Steine sind für Susanne Specht nie solche des Anstoßes, des
Hindernisses, die es beiseite zu räumen oder aus dem Feld zu tragen
gilt. Und Steine erscheinen bei ihr auch nie als Monumente des scheinbar
Ewigen, als uneinnehmbare Festungen des Massiven, das mit Härte
und Sprödigkeit allen Zugriffen zu trotzen versucht. Mögen
die Steine vorwiegend aus Granit sein und Härte ausstrahlen, mögen
sie noch so schwarz und bedrohlich auf dem Boden lasten, sie erweisen
sich in den Arbeiten von Susanne Specht als verletzliche bzw. verletzte,
sind gleichsam pflegebedürftig und erweichen sichtlich unter der
künstlerischen Behandlung.
Den letzteren Begriff habe ich absichtlich gewählt; denn das Formen
der Bildhauerin ist eher das einer liebevollen Behandlung, nicht der
harte, mächtige Zugriff des Skulpteurs, der im Sinne Michelangelos
die neue Form aus dem Stein befreit, indem er alles in ihrem Sinne Überflüssige
wegmeißelt. Formen bedeutet für Susanne Specht zunächst
und vor allem, Vorgaben zu akzeptieren, den Stein gleichsam als ein
Individuum zu begreifen, dessen halbfertige Züge es zu vervollständigen,
zu kennzeichnen und zu charakterisieren gilt.
Das geschieht z.B. bei der Skulpturengruppe der “Feldsteine“,
verstreute Brocken, Findlinge nicht im geologischen, sondern im künstlerischen
Sinne; denn Susanne Specht hat sie gesucht, besser noch: ausgesucht
und dann aufgehoben und fort getragen. Nicht purer Zufall also wie beim
objét trouvé, sondern gezielte Auswahl nach Form und Möglichkeit
für die akzentuierende, die pflegliche Bearbeitung.
Die Erdbewegungen haben die Steine an die Erdoberfläche getragen,
Erosion hat die Oberfläche der Eklogiten, so der Namen des metamorphen
Gesteins, bearbeitet, während andere Gewalten für Risse sorgten,
die wiederum zur Abspaltung von Steinschichten führten. Das alles
ist schon da und wird von der Künstlerin aufgenommen, um sich dem
Wesen Stein zu nähern; denn nur mit Wesen, also dem Lebendigen,
der Seele der Natur zugehörig, lässt sich beschreiben, was
Susanne Specht bei ihrer Arbeit schließlich freilegen will. Sie
vertieft vorhandene Mulden oder meißelt sich vorsichtig, Verletzungen
vermeidend in den Stein hinein, um sein Inneres zu entdecken.
„Fern Zeit Sehen”, „Innenbilder” oder „Wasserfenster”
heißen bezeichnenderweise die Titel solcher Arbeiten und zielen
auf die Intention des künstlerischen Tuns. Mit Blicken und auch
mit den tastenden Händen bekommt man Zutritt zum Inneren des Steins.
Seine Massivität erweist sich als relative. Ist man erst ein Stück
weit ins Innere vorgedrungen, erscheint der Stein in einem neuen Licht,
als Gebilde mit einem eigenen Innenleben, das vorsichtig geöffnet
die Verletzlichkeit des Steines offenbart.
Susanne Specht meißelt zwar behutsam, aber zugleich glättet
sie zusätzlich durch Schleifen und Polieren die zugefügten
Wunden. Das ist allerdings nicht nur therapeutisch gemeint, sondern
vor allem die Fortsetzung der Spannungen, die sie sichtbar machen will,
der Spannung zwischen innen und außen, zwischen roh und glatt,
zwischen positiver und negativer Form, zwischen Bruchstück und
Gestalt. Beim Schleifen gibt der Stein ebenso Substanz ab wie Zeit.
So wird der natürliche Erosionsprozess gleichsam beschleunigt und
zugleich im Formsinn gesteuert. Faszinierend ist dabei die Wandlungsfähigkeit
des Materials, das in der Bearbeitung eine dunklere Farbe annimmt, an
Sprödigkeit verliert und statt dessen eine komplexe Struktur offenbart,
ja wenn man genau hinschaut, mit den eingeschlossenen Granaten im wörtlichen
Sinne innere Schätze preisgibt.
Was für die Gruppe der Feldsteine beschrieben, ist nicht spezifisch
für diese eine, sondern Teil des künstlerischen Konzeptes,
das trotz unterschiedlicher Voraussetzungen und Entstehungsweisen der
Arbeiten doch immer wieder durchschlägt. Ob bei den “Innenklängen”
oder der “Arche”, ob bei den unterschiedlichen Torskulpturen
oder auch bei der großen Außenarbeit “Fluss-Stationen”,
immer sind es behutsame Bearbeitungen, den Vorgaben folgend und sie
als Potenzial begreifend. Am Ochsenkopf im Fichtelgebirge findet sie
eine Reihe von Bohrkernen, die wie Versteinerungen von Geschossen daliegen.
Der Bohrvorgang hat Spuren hinterlassen, mit der Zeit haben sie Patina
angesetzt. Indem sie Mulden ausmeißelt oder längliche Schnitte
setzt, öffnet sie auch hier das Innere des Steins, ohne die Vorgabe
durch die industrielle Vorbearbeitung zu zerstören. Es bleibt der
Eindruck des Massiven, ja auch Gefährlichen, aber zugleich auch
des Verletzlichen, nicht schwärende Wunden, sondern Rinnen wie
Sammelbecken, Formen des Abweisens und Aufnehmens.
In einer anderen Werkgruppe hat sie Rundstücke bis zur Hälfte
des Durchmessers abgetragen und nur ein Stück Rundung in der Mitte
oder jeweils am Anfang und Ende wie Aufbauten stehen lassen: “Arche”
heißt der bezeichnende Titel dieser Steinstücke, die wie
archaische Schiffsformen erscheinen. Ihre leicht gewellten Deckflächen
sind sorgsam poliert, so dass der schwarze Granit das Licht des Umraums
teilweise aufsaugt, aber auch in leiser Bewegung reflektiert und in
Schwingung hält.
Auch andere Arbeiten aus großen, schwarzen Granitblöcken
bezeugen das durchgängige künstlerische Konzept, die Bruchformen
der Steinblöcke bzw. ihre industrielle Vorbearbeitung als Formvorgabe
zu nutzen und zu sublimieren anstatt radikal zu verändern - “Perpetuum”,
“Rollstein”, “Rock-Cut”, “Intermundien”.
Selbst großen, sperrigen Blöcken lässt die Künstlerin
ihre behutsame, material- und formpflegende Behandlung zuteil werden.
Eine der industriellen Vorbearbeitungen solcher Steinblöcke dient
mittels Bohrungen der Gewinnung massiver Steinzylinder. Zurück
bleiben dabei durchlöcherte Rohlinge, in denen die Bohrkanäle
nach Nutzen, nicht nach ästhetischen Überlegungen geschaffen
wurden. Der Stein ist auf diese Weise buchstäblich entkernt und
seiner Massivität beraubt worden. Die industriell gefertigten,
glatten Bohrkanäle machen die Verletzung seiner Integrität
überdeutlich. Man glaubt dieses Wegfräsen noch im Nachhinein
als einen schmerzlichen Vorgang zu spüren.
Der künstlerische Eingriff ist beinahe minimalistisch und verändert
doch grundlegend die Situation. Susanne Specht hat in langwieriger Schleifarbeit
die scharfen Außenkanten der Bohrlöcher abgerundet, wie weich
gemacht, so dass sie nun sanft ins Innere ziehen bzw. nach außen
hin entlassen. Die schroffen Grenzen sind aufgehoben, der Stein wird
zumindest partiell Teil des Umraumes, den er besetzt und den er zugleich
in sich hineinzieht. Die Übergänge werden an diesen Stirnflächen
fließend als handele es sich um organische, nicht um kristalline
Masse.
Und doch: durchlöchert, entkernt, bis an die Grenze der Zerstörung
ausgebeutet, bleibt der Steinkörper dennoch als Block erhalten.
Zwei Stadien seines Seins werden so zusammengefasst, das Massiv und
die Offenbarung eines Inneren. Die Erfahrung: auch Stein hat nicht Bestand,
wenn man ihm zu Leibe rückt, selbst mit eigentlich eher sanften,
weichen Mitteln wie Schleifen und Polieren. Stein, auch wenn er Archaisches
in sich trägt, ist nicht ewig und dauernd gegenüber der wachsenden
und sterbenden Natur. Er ist Teil des gesamten Naturkreislaufes, auch
wenn er als Fragment zunächst ausgesondert und die Zeit der Transformation
bei ihm bis zur Zeitlosigkeit zerdehnt erscheint.
Als Teil der lebendigen, nur scheinbar stillstehenden Natur sind auch
die große Stufen- und Sitzskulptur “Silentium” für
die Bundesgartenschau 2001 in Potsdam, sowie die ein Jahr zuvor abgeschlossene
dreiteilige Arbeit “Fluss-Stationen” im Berliner Tiergartendreieck
zu verstehen: als Ort der Kontemplation will der Sitzstein aus Juramarmor
auf einer Lichtung der Bundesgartenschauanlage so auch in Gebrauch genommen
sein. Die rohe Außenschale des Steinblocks korrespondiert mit
seiner polierten, stufigen Innenform und wieder ist es die dialektische
Spannung zwischen trutzigem Außen und lichtenem Innen, zwischen
Offenheit und Schutz, auch zwischen Gesetztem und Gewachsenem, die den
Charakter dieser Skulptur prägt. Über die dreiteilige Arbeit
“Fluss-Station” hat Susanne Specht selbst einen kurzen Text
geschrieben, der die Arbeit in ihrer Intention beschreibt. Wasser und
Stein sind für uns seit mythischen Zeiten schon immer so eng miteinander
verbunden, dass wir diese Einheit in zahllosen steinernen Brunnen immer
wieder neu beschworen haben. In den drei Stationen dieses Skulpturenensembles
erscheint das Element des Wassers wieder in den fließenden Wellenformen
von “Quelle” und “Wasserstein” bis hin zu der
bewegten Horizontlinie im “Wassertor”. Und nicht nur Wasser
scheint hier von der Quelle aus fort zufließen und den Betrachter
zu den zwei anderen Skulpturenorten zu geleiten, sondern der Stein selbst
sich in dieser Bewegung noch einmal zu gebären: Wasserfluss und
Steinfluss sind eines geworden, streben mit dem “Wassertor”
den gemeinsamen Ort der Einheit an, wo das unbewusst Schöpferische
mit dem bewussten Schöpferischen, dem Buch- und Torzeichen zusammentrifft.
Für die Romantiker war Natur als Ganze beseelt, auch wenn das Erlebnis
dieser Einheit nur noch zu erahnen und einzig in der Poesie noch Wirklichkeit
war. Das Reich der Minerale, Gesteine gehörte dazu, und wenn von
ihm die Rede war, dann nicht von granitenen, ewigen Massiven, sondern
von derem inneren Leben, den Adern aus Metallen z.B. und ihren verschlungenen
Spuren durch den Fels, von Bergwerken als Sinnbilder und Ausdruck für
den Abstieg in die eigene Seele und deren labyrinthisches Wesen und
von dem mühsamen, aber gleichzeitig immer beglückenderen Eindringen
in das Wesen des Seins. Heinrich von Ofterdingen macht bei Novalis diese
Erfahrung und lernt, wie das Sehen, Aufspüren und sich Vorarbeiten
ins Innere der Erde einen Teil des Weges zu sich selbst bedeutet und
zu jener ersehnten Einheit zwischen Natur und Geist, die in der Poesie
zu erreichen sei.
Die Romantik hat das als einen Prozess der Transformation begriffen:
Stein nicht als Widerpart des Lebens, sondern als Teil des Werdens und
Vergehens und der Wiedergeburt. Ruinen sind die Mütter ihrer blühenden
Kinder, heißt es programmatisch bei Novalis. Damit ist einerseits
auf die Vergänglichkeit auch des aus Steinen Geschaffenen, ja des
Steinernen selbst hingewiesen, denn nur im Zerfall wird der Stoff für
neues Leben freigegeben. Und andererseits wird das unbesiegbare Leben
beschworen, das - so hat es der späte Nachfahre der Romantik, Joseph
Beuys, formuliert - erst durch die Todeszone hindurch muss, um in neuer
Kraft zu erblühen.
In ihrem prozesshaften Denken ebenso wie in der poetischen Überwindung
des Subjekt-Objekt-Realismus standen die frühen Romantiker am Anfang
der Moderne, die aus vielfältigen Quellen sich speist, aber in
ihrem romantischen Strang in ebenso vielfältiger Weise zu einem
hinstrebt, nämlich zur Aufhebung der starren Gegensätze von
Subjekt und Objekt und zur Transformation des Seins in und durch die
Kunst. Das hat nichts mit dem heute üblichen Gebrauch des Wortes
romantisch gemeinsam, ist nicht gefühlig oder gar befindlich, sondern
von höchster Klarheit in der Formulierung der eigenen, existenziellen
Qualität des Poetischen.
Die künstlerische Arbeit von Susanne Specht ist unverwechselbar
eingebunden in die skizzierte Tradition, ohne damit traditionell zu
sein. Für Susanne Specht muss Stein nicht erst zu einer ihm fremden
Form erlöst werden, die dann Dauerhaftigkeit verspricht, sondern
er ist Teil eines Lebensprozesses, dem die Kunst nachspürt, den
sie sichtbar machen will in seiner Substanz. Wir mögen diesen Prozess
nie als Ganzes erfahren, sondern nur in Fragmenten, als welche die Bruchblöcke
und Fundstücke gesehen werden. Das Fragmentarische bleibt erhalten
und wird doch so transformiert, dass es als Teil eines größeren
Prozesses erscheint. Der künstlerische Eingriff lässt beispielhaft
sichtbar werden, wie Gegensätze wenn nicht sich aufheben, so doch
zueinander durchlässig werden, wie im behutsamen Formen und Erschließen
eine Vorstellung von Zeit erlebbar wird als Erscheinung von Dauer und
Zerfall, von Härte und Erweichung, von massiv und offen.
Das verbindet die Arbeit von Susanne Specht mit dem Beginn der Moderne
in der Frühromantik - nicht die Wiederkehr der idealistischen Philosophie,
wohl aber die Formulierung des Prozesshaften in allem, auch da, wo wie
beim Stein auf den ersten Blick alles auf Dauer und Bestand gegründet
zu sein scheint. Die Kunst macht den Prozess sichtbar - nicht Steine
des Anstoßes also, sondern solche des Anstoßens im Sinne
neuen Sehens und neuer Erfahrungen über Steine wie auch über
uns selbst.
Prof. Lothar Romain
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